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Radetzkymarsch

Roman. In der Fassung der Erstausgabe von 1932. Nachw. v. Eva Demski
BuchGebunden
653 Seiten
Deutsch
Manesseerschienen am15.03.2010
«Eines der schönsten Prosawerke des Jahrhunderts, voller Traurigkeit, voller Weisheit, voller Schrecknis» (Peter Wapnewski)

Nicht nur jedem Anfang, auch so manchem Ende wohnt ein Zauber inne. Joseph Roth, literarischer Kronzeuge der Donaumonarchie, bringt deren endzeitlichen Zauber noch ein letztes Mal zum Aufleuchten. «Radetzkymarsch», sein berührendes Requiem auf das alte Österreich, ist selbst durchdrungen von jener taktvollen Grazie, der es in einer unzeitgemäßen Welt nachspürt.

Ein gütiger Patriarch wacht in weisem Ratschluss über seine Untertanen, die Weltordnung der Habsburger scheint unvergänglich. Doch hinter kaiserlichem Glanz und Gloria mehren sich die Anzeichen des Verfalls. In Marsch- und Walzerklänge mischen sich Trommelwirbel und schrille nationalistische Töne. Franz von Trotta, Spross einer vom Kaiser protegierten Familie, wird gewahr, dass die Welt, die er als k.u.k.-Beamter in der böhmischen Provinz bis in die letzte Faser seines Wesens repräsentiert, längst dem Untergang geweiht ist. Bald wird nichts mehr sein, wie es einmal war.

Der liebenswürdige Melancholiker Roth (1894-1939) hat die «Welt von Gestern» von ihrem Ende her vermessen. Er zeigt den Anachronismus eines Reichs, das zusehends in lähmendem Fatalismus versinkt, verschweigt nicht die schrittweise Aushöhlung schwarzgelber Traditionen, des Kaisers «unbarmherzigen Glanz», offenbart aber zugleich die bis heute ungebrochene Faszination: den hohen Ehrbegriff, die geistreiche Sinnlichkeit, die legere und genießerische Lebensart. Mit leiser Wehmut, dabei so unbestechlich, wie es einem Chronisten zukommt, zeigt er das Nebeneinander von Strenge und Eleganz, Noblesse und Biedersinn, Souveränität und Unvermögen. Der «Radetzkymarsch», lange Zeit nur in entstellter Textgestalt zugänglich, wird hier in der vom Autor beglaubigten Erstfassung von 1932 vorgelegt.
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Verfügbare Formate
BuchGebunden
EUR22,95
BuchGebunden
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BuchKartoniert, Paperback
EUR17,90
BuchGebunden
EUR29,90
TaschenbuchKartoniert, Paperback
EUR13,00
TaschenbuchKartoniert, Paperback
EUR13,00
TaschenbuchKartoniert, Paperback
EUR12,00
TaschenbuchKartoniert, Paperback
EUR8,80
E-BookEPUBePub WasserzeichenE-Book
EUR10,99

Produkt

Klappentext«Eines der schönsten Prosawerke des Jahrhunderts, voller Traurigkeit, voller Weisheit, voller Schrecknis» (Peter Wapnewski)

Nicht nur jedem Anfang, auch so manchem Ende wohnt ein Zauber inne. Joseph Roth, literarischer Kronzeuge der Donaumonarchie, bringt deren endzeitlichen Zauber noch ein letztes Mal zum Aufleuchten. «Radetzkymarsch», sein berührendes Requiem auf das alte Österreich, ist selbst durchdrungen von jener taktvollen Grazie, der es in einer unzeitgemäßen Welt nachspürt.

Ein gütiger Patriarch wacht in weisem Ratschluss über seine Untertanen, die Weltordnung der Habsburger scheint unvergänglich. Doch hinter kaiserlichem Glanz und Gloria mehren sich die Anzeichen des Verfalls. In Marsch- und Walzerklänge mischen sich Trommelwirbel und schrille nationalistische Töne. Franz von Trotta, Spross einer vom Kaiser protegierten Familie, wird gewahr, dass die Welt, die er als k.u.k.-Beamter in der böhmischen Provinz bis in die letzte Faser seines Wesens repräsentiert, längst dem Untergang geweiht ist. Bald wird nichts mehr sein, wie es einmal war.

Der liebenswürdige Melancholiker Roth (1894-1939) hat die «Welt von Gestern» von ihrem Ende her vermessen. Er zeigt den Anachronismus eines Reichs, das zusehends in lähmendem Fatalismus versinkt, verschweigt nicht die schrittweise Aushöhlung schwarzgelber Traditionen, des Kaisers «unbarmherzigen Glanz», offenbart aber zugleich die bis heute ungebrochene Faszination: den hohen Ehrbegriff, die geistreiche Sinnlichkeit, die legere und genießerische Lebensart. Mit leiser Wehmut, dabei so unbestechlich, wie es einem Chronisten zukommt, zeigt er das Nebeneinander von Strenge und Eleganz, Noblesse und Biedersinn, Souveränität und Unvermögen. Der «Radetzkymarsch», lange Zeit nur in entstellter Textgestalt zugänglich, wird hier in der vom Autor beglaubigten Erstfassung von 1932 vorgelegt.
ZusammenfassungIm Aufstieg und Untergang einer Familie spiegeln sich die letzten Jahrzehnte der Donaumonarchie: 1859 rettet der slowenische Infanterieleutnant Joseph Trotta dem österreichischen Kaiser Franz Joseph I. das Leben. Er wird dafür geadelt und mit Orden ausgezeichnet und verläßt unwiderruflich den Weg seiner bäuerlichen Vorfahren. Von der knorrigen Stärke des "Helden von Solferino" ist bei seinem weichen und feinfühligen Enkel Carl Joseph von Trotta nichts übriggeblieben. "Das kurze Leben dieses vom drohenden Untergang Österreichs beschatteten Enkels des "Helden von Solferino" ist der beispielhafte und symbolische Lebenslauf eines ganzen Landes von Enkeln, einer Welt von Enkeln." (Hermann Kesten)
Details
ISBN/GTIN978-3-7175-2218-8
ProduktartBuch
EinbandartGebunden
Verlag
Erscheinungsjahr2010
Erscheinungsdatum15.03.2010
Seiten653 Seiten
SpracheDeutsch
Gewicht314 g
Artikel-Nr.11186876
Rubriken

Inhalt/Kritik

Leseprobe
Die Trottas waren ein junges Geschlecht. Ihr Ahnherr hatte nach der Schlacht bei Solferino1 den Adel bekommen. Er war Slowene. Sipolje - der Name des Dorfes, aus dem er stammte - wurde sein Adelsprädikat. Zu einer besondern Tat hatte ihn das Schicksal ausersehn. Er aber sorgte dafür, dass ihn die späteren Zeiten aus dem Gedächtnis verloren. In der Schlacht bei Solferino befehligte er als Leutnant der Infanterie einen Zug. Seit einer halben Stunde war das Gefecht im Gange. Drei Schritte vor sich sah er die weißen Rücken seiner Soldaten. Die erste Reihe seines Zuges kniete, die zweite stand. Heiter waren alle und sicher des Siegs. Sie hatten ausgiebig gegessen und Branntwein getrunken, auf Kosten und zu Ehren des Kaisers, der seit gestern im Felde war. Hier und dort fiel einer aus der Reihe. Trotta sprang flugs in jede Lücke und schoss aus den verwaisten Gewehren der Toten und Verwundeten. Bald schloss er dichter die gelichtete Reihe, bald wieder dehnte er sie aus, nach vielen Richtungen spähend mit hundertfach geschärftem Auge, nach vielen Richtungen lauschend mit gespanntem Ohr. Mitten durch das Knattern der Gewehre klaubte sein flinkes Gehör die seltenen hellen Kommandos seines Hauptmanns. sein scharfes Auge durchbrach den blaugrauen Nebel vor den Linien des Feindes. Niemals schoss er, ohne zu zielen, und jeder seiner Schüsse traf. Die Leute spürten seine hand und seinen Blick, hörten seinen Ruf und fühlten sich sicher. Der Feind machte eine pause. Durch die unabsehbar lange Reihe der Front lief das Kommando: «Feuer einstellen!» hier und dort klapperte noch ein Ladstock, hier und dort knallte noch ein Schuss, verspätet und einsam. Der blaugraue Nebel zwischen den Fronten lichtete sich ein wenig. Man stand auf einmal in der mittäglichen Wärme der silbernen, verdeckten gewitterlichen Sonne. Da erschien zwischen dem Leutnant und den Rücken der Soldaten der Kaiser mit zwei Offizieren des Generalstabs. Er wollte gerade einen Feldstecher, den ihm einer der Begleiter reichte, an die Augen führen. Trotta wusste, was das bedeutete: selbst wenn man annahm, dass der Feind auf dem Rückzug begriffen war, so stand seine Nachhut gewiss gegen die Österreicher gewendet, und wer einen Feldstecher hob, gab ihr zu erkennen, dass er ein Ziel sei, würdig, getroffen zu werden. Und es war der jungeKaiser.2 Trotta fühlte sein Herz im Halse. Die Angst vor der unausdenkbaren, der grenzenlosen Katastrophe, die ihn selbst, das Regiment, die Armee, den Staat, die ganze Welt vernichten würde, jagte glühende Fröste durch seinen Körper. Seine Knie zitterten. Und der ewige Groll des subalternen Frontoffiziers gegen die hohen Herren des Generalstabs, die keine Ahnung von der bitteren Praxis hatten, diktierte dem Leutnant jene Handlung, die seinen Namen unauslöschlich in die Geschichte seines Regiments einprägte. Er griff mit beiden Händen nach den Schultern des Monarchen, um ihn niederzudrücken. Der Leutnant hatte wohl zu stark angefasst. Der Kaiser fiel sofort um. Die Begleiter stürzten auf den Fallenden. In diesem Augenblick durchbohrte ein Schuss die linke Schulter des Leutnants, jener Schuss eben, der dem Herzen des Kaisers gegolten hatte. Während er sich erhob, sank der Leutnant nieder. Überall, die ganze Front entlang, erwachte das wirre und unregelmäßige Geknatter der erschrockenen und aus dem Schlummer gerissenen Gewehre. Der Kaiser, ungeduldig von seinen Begleitern gemahnt, die gefährliche Stelle zu verlassen, beugte sich dennoch über den liegenden Leutnant und fragte, eingedenk seiner kaiserlichen Pflicht, den Ohnmächtigen, der nichts mehr hörte, wie er denn heiße. EinRegimentsarzt, ein Sanitätsunteroffizier und zwei Mann mit einer Tragbahre galoppierten herbei, die Rücken geduckt und die Köpfe gesenkt. Die Offiziere des Generalstabs rissen erst den Kaiser nieder und warfen sich dann selbst zu Boden. «Hier den Leutnant!» - rief der Kaiser zum atemlosen Regimentsarzt empor. Inzwischen hatte sich das Feuer wieder beruhigt. Und während der Kadettoffizierstellvertreter vor den Zug trat und mit heller stimme verkündete: «Ich übernehme das Kommando!», erhoben sich Franz Joseph und seine Begleiter, schnallten die Sanitäter vorsichtig den Leutnant auf die Bahre, und alle zogen sich zurück, in die Richtung des Regimentskommandos, wo ein schneeweißes Zelt den nächsten Verbandplatz überdachte. Das linke Schlüsselbein Trottas war zerschmettert. Das Geschoss, unmittelbar unter dem linken Schulterblatt stecken geblieben, entfernte man in Anwesenheit des Allerhöchsten Kriegsherrn und unter dem unmenschlichen Gebrüll des Verwundeten, den der schmerz aus der Ohnmacht geweckt hatte. Trotta wurde nach vier Wochen gesund. Als er in seine südungarische Garnison zurückkehrte, besaß er den Rang eines Hauptmanns, die höchste aller Auszeichnungen: den Maria-Theresien-Orden und den Adel. Er hieß von nun ab: Hauptmann Joseph Trotta von Sipolje. Als hätte man ihm sein eigenes Leben gegen ein fremdes, neues, in einer Werkstatt angefertigtes vertauscht, wiederholte er sich jede Nacht vor dem Einschlafen und jeden Morgen nach dem Erwachen seinen neuen Rang und seinen neuen Stand, trat vor den Spiegel und bestätigte sich, dass sein Angesicht das alte war. Zwischen der linkischen Vertraulichkeit, mit dem Schicksal plötzlich zwischen ihn und sie gelegt hatte, und seinen eigenen vergeblichen Bemühungen, aller Welt mit der gewohnten Unbefangenheit entgegenzutreten, schien der geadelte Hauptmann Trotta das Gleichgewicht zu verlieren, und ihm war, als wäre er von nun ab sein Leben lang verurteilt, in fremden stiefeln auf einem glatten Boden zu wandeln, von heimlichen Reden verfolgt und von scheuen Blicken erwartet. sein Großvater noch war ein kleiner Bauer gewesen, sein Vater Rechnungsunteroffizier, später Gendarmeriewachtmeister im südlichen Grenzgebiet der Monarchie. Seitdem er im Kampf mit bosnischen Grenzschmugglern ein Auge verloren hatte, lebte er als Militärinvalide und Parkwächter des Schlosses Laxenburg, fütterte die Schwäne, beschnitt die Hecken, be- wachte im Frühling den Goldregen, später den Holunder vor räuberischen, unberechtigten Händen und fegte in milden Nächten obdachlose Liebespaare von den wohltätig finstern Bänken. Natürlich und angemessen schien der Rang eines gewöhnlichen Leutnants der Infanterie dem Sohn eines Unteroffiziers. Dem adeligen und ausgezeichneten Hauptmann aber, der im fremden und fast unheimlichen Glanz der kaiserlichen Gnade umherging wie in einer goldenen Wolke, war der leibliche Vater plötzlich ferngerückt, und die gemessene Liebe, die der Nachkomme dem Alten entgegenbrachte, schien ein verändertes Verhalten und eine neue Form des Verkehrs zwischen Vater und Sohn zu verlangen. Seit fünf Jahren hatte der Hauptmann seinen Vater nicht gesehen; wohl aber jede zweite Woche, wenn er nach dem ewig unveränderlichen Turnus in den Stationsdienst kam, dem Alten einen kurzen Brief geschrieben, im Wachtzimmer, beim kärglichen und unruhigen Schein der Dienstkerze, nachdem er die Wachen visitiert, die Stunden ihrer Ablösung eingetragen und in die Rubrik «Besondere Vorfälle» ein energisches und klares «Keine» gezeichnet hatte, das gleichsam auch nur jede leise Möglichkeit besonderer Vorfälle leugnete. Wie Urlaubsscheine und Dienstzettel glichen die Briefe einander, geschrieben auf gelb- liehen und holzfaserigen Oktavbogen, die Anrede «Lieber Vater!» links, vier Finger Abstand vom oberen Rand und zwei vom seitlichen, beginnend mit der kurzen Mitteilung vom Wohlergehen des Schreibers, fortfahrend mit der Hoffnung auf das des Empfängers und abgeschlossen von der steten, in einen neuen Absatz gefassten und rechts unten im diagonalen Abstand zur Anrede hingemalten Wendung: «In Ehrfurcht Ihr treuer und dankbarer Sohn Joseph Trotta, Leutnant.» Wie aber sollte man jetzt, zumal da man dank dem neuen Rang nicht mehr den alten Turnus mitmachte, die gesetzmäßige, für ein ganzes Soldatenleben berechnete Form der Briefe ändern und zwischen die normierten Sätze ungewöhnliche Mitteilungen von ungewöhnlich gewordenen Verhältnissen rücken, die man selbst noch kaum begriffen hatte? An jenem stillen Abend, an dem der Hauptmann Trotta sich zum ersten Mal nach seiner Genesung an den von spielerischen Messern gelangweilter Männer reichlich zerschnitzten und durchkerbten Tisch setzte, um die Pflicht der Korrespondenz zu erfüllen, sah er ein, dass er über die Anrede «Lieber Vater!» niemals hinauskommen würde. Und er lehnte die unfruchtbare Feder ans Tintenfass, und er zupfte ein Stück vom flackernden Docht der Kerze ab, als erhoffte er von ihrem besänftigten Licht einen glücklichen Einfall und eine passende Wendung, und schweifte sachte in Erinnerungen ab, an Kindheit, Dorf, Mutter und Kadettenschule. Er betrachtete die riesigen Schatten, von geringen Gegenständen an die kahlen, blau getünchten Wände geworfen, und die leicht gekrümmte, schimmernde Linie des Säbels am Haken neben der Tür und, durch den Korb des Säbels gesteckt, das dunkle Halsband. Er lauschte dem unermüdlichen Regen draußen und seinem trommelnden Gesang am blechbeschlagenen Fensterbrett. Und er erhob sich endlich mit dem Entschluss, den Vater in der nächsten Woche zu besuchen, nach vorgeschriebener Dank-Audienz beim Kaiser, zu der man ihn in einigen Tagen abkommandieren sollte. Eine Woche später fuhr er unmittelbar von der Audienz, die aus knappen zehn Minuten bestanden hatte, nicht mehr als aus zehn Minuten kaiserlicher Huld und jener zehn oder zwölf aus Akten gelesenen Fragen, auf die man in strammer Haltung ein «Jawohl, Majestät!» wie einen sanften, aber bestimmten Flintenschuss abfeuern musste, im Fiaker zu seinem Vater nach Laxenburg. Er traf den Alten in der Küche seiner Dienstwohnung, in Hemdsärmeln, am blankgehobelten nackten Tisch, auf dem ein dunkelblaues Taschentuch mit roten Säumen lag, vor einer geräumigen Tasse mit dampfendem und wohlriechendem Kaffee.Der knotenreiche, rotbraune Stock aus Weichselholz hing mit der Krücke an der Tischkante und schaukelte leise. Ein runzliger Lederbeutel mit faserigem Knaster3 lag dick geschwellt und halboffen neben der langen Pfeife aus weißem, gebräuntem, gelblichem Ton. Ihre Färbung passte zu dem mächtigen weißen Schnurrbart des Vaters. Hauptmann Joseph Trotta von Sipolje stand mitten in dieser ärmlichen und ärarischen4 Traulichkeit wie ein militärischer Gott, mit glitzernder Feldbinde, lackiertem Helm, der eine Art eigenen schwarzen Sonnenscheins verbreitete, in glatten, feurig gewichsten Zugstiefeln, mit schimmernden Sporen, mit zwei Reihen glänzender, beinahe flackernder Knöpfe am Rock und von der überirdischen Macht des Maria-Theresien-Ordens gesegnet. Also stand der Sohn vor dem Vater, der sich langsam erhob, als wollte er durch die Langsamkeit der Begrüßung den Glanz des Jungen wettmachen. Hauptmann Trotta küsste die Hand seines Vaters, beugte den Kopf tiefer und empfing einen Kuss auf die Stirn und einen auf die Wange. «Setz dich!», sagte der Alte. Der Hauptmann schnallte Teile seines Glanzes ab und setzte sich. «Ich gratulier' dir!», sagte der Vater mit gewöhnlicher Stimme, im harten Deutsch der Armee-Slawen. Er ließ die Konsonanten wie Gewitter hervorbrechen und beschwerte die Endsilben mit kleinen Gewichten. Vor fünf Jahren noch hatte er zu seinem Sohn slowenisch gesprochen, obwohl der Junge nur ein paar Worte verstand und nicht ein einziges selbst hervorbrachte. Heute aber mochte dem Alten der Gebrauch seiner Muttersprache von dem so weit durch die Gnade des Schicksals und des Kaisers entrückten Sohn als eine gewagte Zutraulichkeit erscheinen, während der Hauptmann auf die Lippen des Vaters achtete, um den ersten slowenischen Laut zu begrüßen, wie etwas vertraut Fernes und verloren Heimisches. «Gratuliere, gratuliere!», wiederholte der Wachtmeister donnernd. «Zu meiner Zeit ist es nie so schnell gegangen! Zu meiner Zeit hat uns noch der Radetzky gezwiebelt!»5 «Es ist tatsächlich aus!», dachte der Hauptmann Trotta. Getrennt von ihm war der Vater durch einen schweren Berg militärischer Grade. «Haben Sie noch Rakija6, Herr Vater?», sagte er, um den letzten Rest der familiären Gemeinsamkeit zu bestätigen. Sie tranken, stießen an, tranken wieder, nach jedem Trunk ächzte der Vater, verlor sich in einem unendlichen Husten, wurde blaurot, spuckte, beruhigte sich langsam und begann, Allerweltsgeschichten aus der eigenen Militärzeit zu erzählen, mit der unbezweifelbaren Absicht, Verdienste und Karriere des Sohnes geringer erscheinen zu lassen. Schließlich erhob sich der Hauptmann, küsste die väterliche Hand, empfing den väterlichen Kuss auf Stirn und Wange, gürtete den Säbel um, setzte den Tschako auf und ging - - mit dem sichern Bewusstsein, dass er den Vater zum letzten Mal in diesem Leben gesehen hatte ^ Es war das letzte Mal gewesen. Der Sohn schrieb dem Alten die gewohnten Briefe, es gab keine andere sichtbare Beziehung mehr zwischen beiden - losgelöst war der Hauptmann Trotta von dem langen Zug seiner bäuerlichen slawischen Vorfahren. Ein neues Geschlecht brach mit ihm an. Die runden Jahre rollten nacheinander ab, wie gleichmäßige, friedliche Räder. Standesgemäß heiratete Trotta die nicht mehr ganz junge, begüterte Nichte seines Obersten, Tochter eines Bezirkshauptmanns im westlichen Böhmen, zeugte einen Knaben, genoss das Gleichmaß seiner gesunden militärischen Existenz in der kleinen Garnison, ritt jeden Morgen zum Exerzierplatz, spielte nachmittags Schach mit dem Notar im Kaffeehaus, wurde heimisch in seinem Rang, seinem Stand, seiner Würde und seinem Ruhm. Er besaß eine durchschnittliche militärische Begabung, von der er jedes Jahr bei den Manövern durchschnittliche Proben ablegte, war ein guter Gatte, misstrauisch gegen Frauen, den Spielen fern, mürrisch, aber gerecht im Dienst, grimmiger Feind jeder Lüge, unmännlichen Gebarens, feiger Geborgenheit, geschwätzigen Lobs und ehrgeiziger Süchte. Er war so einfach und untadelig wie seine Konduitenliste, und nur der Zorn, der ihn manchmal ergriff, hätte einen Kenner der Menschen ahnen lassen, dass auch in der Seele des Hauptmanns Trotta die nächtlichen Abgründe dämmerten, in denen die Stürme schlafen und die unbekannten Stimmen namenloser Ahnen. Er las keine Bücher, der Hauptmann Trotta, und bemitleidete im Stillen seinen heranwachsenden Sohn, der anfangen musste, mit Griffel, Tafel und Schwamm, Papier, Lineal und Einmaleins zu hantieren, und auf den die unvermeidlichen Lesebücher bereits warteten. Noch war der Hauptmann überzeugt, dass auch sein Sohn Soldat werden müsse. Es fiel ihm nicht ein, dass (von nun bis zum Erlöschen des Geschlechts) ein Trotta einen andern Beruf würde ausüben können. Wenn er zwei, drei, vier Söhne gehabt hätte - aber seine Frau war schwächlich, brauchte Arzt und Kuren, und Schwangerschaft brachte sie in Gefahr -, alle wären sie Soldaten geworden. So dachte damals noch der Hauptmann Trotta. Man sprach von einem neuen Krieg, er war jeden Tag bereit. Ja, es schien ihm fast gewiss, dass er ausersehen war, in der Schlacht zu sterben. Seine solide Einfalt hielt den Tod im Feld für eine notwendige Folge kriegerischen Ruhms. Bis er eines Tages das erste Lesebuch seines Sohnes, der gerade fünf Jahre alt geworden war und den ein Hauslehrer schon, dank dem Ehrgeiz der Mutter, die Nöte der Schule viel zu früh schmecken ließ, mit lässiger Neugier in die Hand nahm. Er las das gereimte Morgengebet, es war seit Jahrzehnten das gleiche, er erinnerte sich noch daran. Er las die «Vier Jahreszeiten», den «Fuchs und den Hasen», den «König der Tiere». Er schlug das Inhaltsverzeichnis auf und fand den Titel eines Lesestückes, das ihn selbst zu betreffen schien, denn es hieß: «Franz Joseph der Erste in der Schlacht bei Solferino»; las und musste sich setzen. «In der Schlacht bei Solferino» - so begann der Abschnitt - «geriet unser Kaiser und König Franz Joseph der Erste in große Gefahr.» Trotta selbst kam darin vor. Aber in welcher Verwandlung! «Der Monarch» - hieß es - «hatte sich im Eifer des Gefechts so weit vorgewagt, dass er sich plötzlich von feindlichen Reitern umdrängt sah. In diesem Augenblick der höchsten Not sprengte ein blutjunger Leutnant auf schweißbedecktem Fuchs herbei, den Säbel schwingend. Hei! wie fielen da die Hiebe auf Kopf und Nacken der feindlichen Reiter!» Und ferner: «Eine feindliche Lanze durchbohrte die Brust des jungen Helden, aber die Mehrzahl der Feinde war bereits erschlagen. Den blanken Degen in der Hand, konnte sich der junge, unerschrockene Monarch leicht der immer schwächer werdenden Angriffe erwehren. Damals geriet die ganze feindliche Reiterei in Gefangenschaft. Der junge Leutnant aber -Joseph Ritter von Trotta war sein Name - bekam die höchste Auszeichnung, die unser Vaterland seinen Heldensöhnen zu vergeben hat: den Maria-Theresien-Orden.» Hauptmann Trotta ging, das Lesebuch in der Hand, in den kleinen Obstgarten hinter das Haus, wo sich seine Frau an linderen Nachmittagen beschäftigte, und fragte sie, die Lippen blass, mit ganz leiser Stimme, ob ihr das infame Lesestück bekannt gewesen sei. Sie nickte lächelnd. «Es ist eine Lüge!», schrie der Hauptmann und schleuderte das Buch auf die feuchte Erde. «Es ist für Kinder», antwortete sanft seine Frau. Der Hauptmann kehrte ihr den Rücken. Der Zorn schüttelte ihn, wie der Sturm einen schwachen Strauch. Er ging schnell ins Haus, sein Herz flatterte. Es war die Stunde des Schachspiels. Er nahm den Säbel vom Haken, schnallte den Gurt mit einem bösen und heftigen Ruck um den Leib und verließ mit wilden und langen Schritten das Haus. Wer ihn sah, konnte glauben, dass er ausziehe, ein Schock9 Feinde zu erlegen. Nachdem er im Kaffeehaus, ohne noch ein Wort gesprochen zu haben, vier tiefe Querfurchen auf der blassen schmalen Stirn unter dem harten kurzen Haar, zwei Partien verloren hatte, warf er mit einer grimmen Hand die klappernden Figuren um und sagte zu seinem Partner: «Ich muss mich mit Ihnen beraten!» Pause. «Man hat mit mir Missbrauch getrieben», begann er wieder, sah geradewegs in die blitzenden Brillengläser des Notars und merkte nach einer Weile, dass ihm die Worte fehlten. Er hätte das Lesebuch mitnehmen müssen. Mit diesem odiosen10 Gegenstand in Händen wäre ihm die Erklärung bedeutend leichter gefallen. «Was für ein Missbrauch?», fragte der Jurist. «Ich habe nie bei der Kavallerie gedient», glaubte Hauptmann Trotta am besten anfangen zu müssen, obwohl er selbst einsah, dass man ihn so nicht begreifen konnte. «Und da schreiben diese schamlosen Schreiber in den Kinderbüchern, dass ich auf einem Fuchs, einem schweißbedeckten Fuchs, schreiben sie, herangesprengt bin, um den Monarchen zu retten, schreiben sie.» Der Notar verstand. Er selbst kannte das Lesestück aus den Büchern seiner Söhne. «Sie überschätzen das, Herr Hauptmann», sagte er. «Bedenken Sie, es ist für Kinder!» Trotta sah ihn erschrocken an. In diesem Augenblick schien es ihm, dass sich die ganze Welt gegen ihn verbündet hatte: die Schreiber der Lesebücher, der Notar, seine Frau, sein Sohn, der Hauslehrer. «Alle historischen Taten», sagte der Notar, «werden für den Schulgebrauch anders dargestellt. Es ist auch so richtig, meiner Meinung nach. Die Kinder brauchen Beispiele, die sie begreifen, die sich ihnen einprägen. Die richtige Wahrheit erfahren sie dann später!» «Zahlen!», rief der Hauptmann und erhob sich. Er ging in die Kaserne, überraschte den diensthabenden Offizier, Leutnant Amerling, mit einem Fräulein in der Schreibstube des Rechnungsunteroffiziers, visitierte selbst die Wachen, ließ den Feldwebel holen, bestellte den Unteroffizier vom Dienst zum Rapport, ließ die Kompagnie antreten und befahl Gewehrübungen im Hof. Man gehorchte verworren und zitternd. In jedem Zug fehlten ein paar Mann, sie waren unauffindbar. Hauptmann Trotta befahl, die Namen zu verlesen. «Abwesende morgen zum Rapport!», sagte er zum Leutnant. Mit keuchendem Atem machte die Mannschaft Gewehrübungen. Es klapperten die Ladstöcke, es flogen die Riemen, die heißen Hände schlugen klatschend auf die kühlen, metallenen Läufe, die mächtigen Kolben stampften auf den dumpfen, weichen Boden. «Laden!», kommandierte der Hauptmann. Die Luft zitterte von dem hohlen Geknatter der blinden Patronen. «Eine halbe Stunde Salutierübungen!», kommandierte der Hauptmann. Nach zehn Minuten änderte er den Befehl. «Kniet nieder zum Gebet!» Beruhigt lauschte er dem dumpfen Aufprall der harten Knie auf Erde, Schotter und Sand. Noch war er Hauptmann, Herr seiner Kompagnie. Diesen Schreibern wird er's schon zeigen. Er ging heute nicht ins Kasino, er aß nicht einmal, er legte sich schlafen. Er schlief traumlos und schwer. Den nächsten Morgen beim Offiziersrapport brachte er knapp und klingend seine Beschwerde vor den Obersten. Sie wurde weitergeleitet. Und nun begann das Martyrium des Hauptmanns Joseph Trotta, Ritter von Sipolje, des Ritters der Wahrheit. Es dauerte Wochen, bis vom Kriegsministerium die Antwort kam, dass die Beschwerde an das Kultus- und Unterrichtsministerium weitergegeben sei. Und abermals vergingen Wochen, bis eines Tages die Antwort des Ministers einlief. Sie lautete:«Euer Hochwohlgeboren, sehr geehrter Herr Hauptmann!mehr
Kritik
»Gebunden, handlich und schön, versehen mit Nachwort und einem knappen Anmerkungsteil.« Neues Deutschland, 14.09.2010mehr

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Joseph Roth wurde 1894 im österreichisch-ungarischen Brody geboren. Er arbeitete zunächst als Journalist in Wien und Berlin. Als Schriftsteller wurde er vor allem durch seine Romane »Hiob« (1930) und »Radetzkymarsch« (1932) bekannt. Roths Beobachtungsgabe und seine exakten, anschaulichen Darstellungen findet man auch in seinen Erzählungen. Der alkoholkranke Joseph Roth starb 1939 in Paris.